Über den Tellerrand

 
Königsklasse.
Gegenwartskunst in Schloss Herrenchiemsee
Bis 3. Oktober
Tägl. von 9 bis 18 Uhr
Anfahrt mit dem Schiff von Prien aus
 
Unter der Überschrift "Wo man hinsieht: Königsklasse
                                 Auf nach Herrenchiemsee! Bayerns Staatsgemäldesammlungen zeigen dort herausragende Moderne"
schreibt die Donauwörther Zeitung vom 4. 08. 2018:
 
"Eigentlich möchte man gleich im ersten Raum bleiben, so dermaßen gut riecht es hier. Und die Rezeptur ist denkbar simpel, wenn man bedenkt, mit wechem Aufwand mittlerweile Boutiquen und Kaufhäuser beduftet werden, um uns übers Unterbewusstsein zu ködern. Wolfgang Laib hat solchen Firlefanz gar nicht nötig, denn bei allem, was unter seinen Händen zu Kunst wird, setzt er auf die Natur. Vor zwei Jahren war es noch einTeppich aus hellgelben Kiefernpollen, von dem sich das Auge kaum lösen konnte, Delirium inklusive. Jetzt ist es eine Tonne Bienenwachs, die sich auf den beiden Hälften einer scheinbar halbierten Stufenpyramide in die Höhe stemmt.
Laib selbst spricht von einem Zikkurat, im Babylonischen sind damit gestufte Tempeltürme oder 'Götterberge' bezeichnet. Bekanntlich hat der architektonische Himmelssturm schon in alttestamentarischen Zeiten nicht funktioniert, erst recht darf man ihn als Sinnbild für unsere größenwahnsinnige Epoche begreifen. Und durch die nachgiebige, verletzliche Wachsverkleidung, die durch ihre Fugen an überdimensionale Ziegel erinnert, bilden die vier Meter hohen Bodenskulpturen ein herrliches Pendant zu den unverputzten Wänden im Nordflügel von Schloss Herrenchiemsee.
    Dass diese Hommage Ludwigs II. an den Sonnenkönig und Versailles unvollendet geblieben ist, erweist sich in unseren Tagen als Vorteil. Wir goutieren heute die rohen Räume, die Kunst der Gegenwart gewinnt hier eine ganz eigene Präsenz und Dynamik. Sowieso im Vergleich zum steril-cleanen, oft genug faden 'white cube', dem weißen Museumsraum.
    In der Pinakothek der Moderne wirken Arnulf Rainers düster-dunkle Kreuze nicht halb so überzeugend, ihnen fehlt dort der Widerspruch, auch ein Hintergrund, gegen den sie sich behaupten müssen. Deshalb dürfen die Kruzifikationen, die das gesamte Schaffen des bald 90-Jährigen Über-Malers durchziehen - der Österreicher wurde mit Übermalungen von Gemälden und Fotografien bekannt -, bei dieser nunmehr vierten 'Königsklasse' seit 2013 wieder einen ganzen Raum einnehmen. Das Spiel mit alten Symbolen greift auch Andy Warhol allzu gerne auf. Der Pop-Art-Meister hat sich in den 70er-Jahren während des Kalten Krieges ausgerechnet an Hammer und Sichel abgearbeitet. Allerdings nimmt er das schlagende Duo auseinander und führt beide Teile auf die Ebene des bloßen Werkzeugs zurück. Als Stillleben wollte er diese Bilder verstanden wissen, und man muss an die Dollarscheine denken, mit denen Warhol einst den Kapitalismus als westliches Allheilmittel hinterfragt hat. Der ewig missverstandene Karl Marx hätte vermutlich an beidem seine Freude - so, wie Mentor Warhol an den impulsiv kraftvollen Kompositionen seines mehr als 30 jahre jüngeren Kollegen Jean-Michel Basquiat. Das 1988 an einer überdosis Heroin gestorbene Wunderkind aus dem Graffiti-Milieu warf seinen kruden Mix kultureller Zeichen ambitioniert auf die Leinwand und etablierte damit früh auf dem Kunstmarkt, was inzwischen in vielen Gesellschaften Usus geworden ist. Diesem hochaktuellen Clash hat Kuratorin Corinna Thierolf die comichaft krakeligen Figurenfolgen des Schweizer Malers und Musikers Louis Soutter gegenübergestellt.
    Solche Begegnungen und rhythmisch spannungsvolle Raumfolgen machen den Reiz dieser bislang besten 'Königsklasse' aus. Zumal sich neben den omnipräsenten Berühmtheiten auch ein paar Nischenwerker behaupten dürfen - und keineswegs untergehen. Natürlich wummt Dan Flavins 16 Meter langes Leuchtstoffröhren-Gatter von 1973. Das fluoreszierende Grün entwickelt bis in unsere LED-Tage eine eigentümliche Magie des Irrealen und verwandelt selbst die Pumperlgsunden unter den Besuchern zu Zombies aus dem Jenseits.
    Doch dann biegt man um die Ecke und ist augenblicklich verzaubert von den fragilen Flugzeugen eines echten Außenseiters: Sagenhafte Gebilde sind das, mit menschlich anmutenden Gesichtern und minutiös ausgetüftelten Innenleben für alle Sitiationen des Daseins. Hans-Jörg Georgi hat sie im Atelier Goldstein, einer Einrichtung der Lebenshilfe Frankfurt, aus Pappe und Kartonabfällen gebaut. Der durch Kinderlähmung an den Rollstuhl gefesselte Künstler, Jahrgang 1949, schafft sich seit Jahrzehnten seinen eigenen Kosmos. Früher hatte das Pflegepersonal die Flieger abends entsorgt, jetzt flattern sie als 'Outsider Art' durch die internationale Ausstellungswelt. Auf Herrenchiemsee verkörpern sie weit mehr als den Traum vom Abheben. Und womöglich sitzt der dauernd in höheren Sphären schwebende Ludwig II. in einem der vielen Cockpits."
 
Carlos Cruz-Diez
Color in Motion
Museum für Konkrete Kunst
Ingolstadt
Bis 16. September
 
 
Unter der Überschrift "Betrachter inmitten flackernder Farben
Der Op-Art-Künstler Carlos Cruz-Diez verwirrt in Ingolstadt den Sehsinn"
schreibt die FAZ vom 7. Mai 2018:
"Das meistfotografierte Kunstwerk Venezuelas befindet sich im Flughafen von Caracas. Es ist die Bodenarbeit "Couleur Additive" von Carlos Cruz-Diez, eine gigantische Komposition ineinander verzahnter, auch die Rückwand der Haupthalle überziehender Farbstreifen, vor der unzählige Menschen ihr Abschiedsbild machen. Jetzt, während der Massenflucht aus dem von Präsident Maduros Diktatur abgewirtschafteten Land, geben diese Fotos dem Werk einen melancholischen Akzent. Eigentlich kommt es, wie das gesamte OEuvre des Künstlers, von Grund auf heiter daher, erinnert nun aber, entstanden 1974, schmerzlich an Venezuelas beste Jahre in Wohlstand und Demokratie. Cruz-Diez will Kunst auch außerhalb der Museen und jedermann zugänglich machen; 'Kunst ist Kommunikation', sagt er und realisierte in vielen Städten der Welt seine chromatischen Eingriffe im öffentlichen Raum. Ein Fußgängerüberweg in Pink, Gelb und Grün führt derzeit in Ingolstadt zum Eingang des Museums für Konkrete Kunst, das Cruz-Diez die erste Retrospektive in Deutschland seit 1998 widmet.
          Ihr Besuch wird zum spannenden Wiedersehen mit der Op-Art, zu deren Hauptvertretern der Venezolaner gehört: Da wechseln Reliefs aus farbigen, transparenten Lamellen beim Entlanggehen die Couleurs. Bilder, deren Streifensystem definitiv nur Weiß, Schwarz und Blau aufweisen, verströmen aus einigem Abstand eine zartgelbe Aura. Und noch extremere Streiche spielen uns unsere Sehorgane, wo sie angesichts einer aus Rot, Blau, Grau und Schwarz gebauten Bildserie die Farben des Regenbogens leuchten lassen.
         Nach ihrer hohen Zeit in den sechziger und siebziger Jahren verschwand die Op-Art bis vor ein paar Jahren in der Versenkung; vielleicht wollten die Augen ausruhen von all den optischen Täuschungen, dem kirremachenden Flimmern und Vibrieren dieser Kunstrichtung, die aber, wie Cruz-Diez sie begreift, mehr will als faszinierende Spielchen mit der Wahrnehmung treiben. Selbige dienen ihm als Mittel, den Betrachter interaktiv am künstlerischen Prozess zu beteiligen. Carlos Cruz-Diez wurde 1923 in Caracas geboren, studierte an der dortigen Kunsthochschule und arbeitete als Illustrator und Werbefachmann, bevor er sich der freien Kunst zuwandte. Mit Victor Vasarely und Cruz-Diez' Landsmann Jesus Rafael Soto wirkten bereits Protagonisten der Op-Art in Paris, als auch er sich 1960 dort niederließ. In seinem Atelier im 18. Arrondissement geht es lebhaft zu, zwanzig Personen wirbeln dort, 
darunter, nach gut lateinamerikanischer Art, viele Mitglieder seiner großen Familie. Cruz-Diez' Kreativprozess basiert auf bester Kenntnis optischer und kinetischer Phänomene sowie Regeln der Farbenlehre. Der Rest ist Rechenarbeit. Früher legte der Künstler die Daten für jedes Werk akribisch auf Karteikarten an - sein Archiv bewahrt sie allesamt -, heute sitzt der Vierundneunzigjährige dafür täglich am Computer. Die Umsetzung seiner Vorgaben aber obliegt schon immer einem Werkstatt-Team, das in feinster Präzisionsarbeit diverse Materalien, darunter Plexiglas, Folien und Farbe, händelt. Für die Ingolstädter Ausstellung entstand ein neues, mehrere Meter breites Wandbild. Um es zu erreichen, muss man aber erst mal durch ein Labyrinth aus transparenten Farbträgern, die je nach Lichteinfall und Wegwahl immer neue Farbmischungen entstehen lassen. Der reinste Zauberwald."