Über den Tellerrand

 
 
Lust der Täuschung
Von antiker Kunst bis Virtual Reality
Kunsthalle München
Bis 13. Januar 2019
Tägl.: 10 bis 20 Uhr
 
"Kunstvoll wollen wir betrogen sein" lautet die Überschrift in der F.A.Z. vom 27.08.2018. 
Die Besprechung erörtert einige grundsätzliche Aspekte der Täuschung in der Kunst:
 
"Kunstvolle Täuschungen können lebensgefährlich sein. Vor wenigen Tagen fiel ein Museumsbesucher in das zweieinhalb Meter tiefe Loch, das der Künstler Anish Kapoor im Museum Serralves in Porto installiert hatte, und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Das Tückische dabei war: Die Illusion des nur aufgemalt wirkenden Lochs auf dem Museumsboden gelang deshalb perfekt, weil Kapoor das schwärzeste Schwarz der Welt dafür verwendet hatte. Das Farbpigment 'Vantablack' absorbiert nahezu alles Licht und lässt den darunter lauernden Schlund in die Unterwelt - die Arbeit heißt 'Descent into Limbo' - harmlos wie einen kreisrunden Teppich aus schwarzem Samt oder wie eine lediglich aufgemalte Fläche erscheinen.
          In der Münchener Ausstellung 'Lust der Täuschung' wird sich zwar kein Besucher die Knochen brechen, übel werden kann einem aber schon auf dem zwanzig Meter langen Magic-Eye-Bodenbelag am Ende der neun Säle, der halsbrecherische Bodenwellen und Dellen vorgaukelt, weshalb die ihn Betretenden vorsichtig, als wären sie sturzbetrunken, über ihn eiern. Auch den Kopf schlägt man sich leicht an, wenn man den scheinbar endlos nach hinten sich ziehenden Gang von Monika Sosnowska mit seinen spärlichen Funzeln an der Decke beherzt durchschreiten möchte, nur um bereits nach der ersten Deckenlampe zu realisieren, dass sich der aufwendig gebaute Gang derart rasch verengt, dass schnell nur noch Kinder auf Knien weiterrobben können. ...
Die im Sinne eines breitestmöglichen Angebots 'ungeordnete' Riesenmenge von Anknüpfungspunkten erzwingt in der Beschreibung der Schau geradezu den Sprung auf eine Metaebene: Was kann uns die Fülle an Illusionen seit Menschheitsbeginn über das Menschsein an sich sagen? Bereits die Steinzeitkünstler von Altamira und Lascaux nutzten gezielt die Unebenheiten der Höhlenwände, um den auf uns zutrampelnden gemalten Tieren plastische Hüftgelenke oder Schulterpartien zu verleihen. Die pompejanische Wandmalerei, die als prächtiger Rest unser Bild der antiken Malerei allein bestimmt, ist ein Höhepunkt an Illusionismus: In den Sälen mancher Villen konnte derart tief und vollständig in mythische Bildwelten eingetaucht werden, dass es Quellen zufolge bei dionysischen Gelagen zu Verwechslungen zwischen Bildpersonal und realen Menschen kam.
          Die Ausstellung wartet mit gleich zwei Stücken aus Pompeji auf, darunter das extrem seltene und schwer auszuleihende Wandfragment der Casa di Meleagro aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, auf dem die Perspektive dieser dramatischen und figurenbesiedelten Raumbühne durch fein aufmodellierten Stuck noch plastischer wurde. Es wundert daher kaum, dass die bis heute bündigste Definition von Kunst aus dem Übergang der Antike zum Mittelalter stammt: 'Pictura quasi fictura, die Malerei heißt wie die Fiktion, denn sie ist ein erfundenes Bild, nicht Wirklichkeit', mault Isidor von Sevilla als antikesüchtiger Kirchenlehrer Anfang des siebten Jahrhunderts in seinen 'Etymologiae'. In dieser Tradition malen Künstler wie Dürer ab dem Spätmittelalter die 'Fliege des Apelles' auf ihre Bilder, eine glänzende Schmeißfliege, die jedermann von den Gemälden verjagen will, genau wie man die vielen gemalten Zeuxis-Trauben und Parrhasios-Vorhänge in der Ausstellung unbedingt berühren will. Die Apelles-Fliege jedoch ist immer zugleich Ausweis des denkenden Künstlers, das Gütesiegel der bewussten Fiktion.
          Eine Formel lässt sich der großen Münchner Illusions-Schau wohl abgewinnen: Nur schlechte Künstler wollen die totale Illusion und Immersion; echte Künstler beharren auf einer Reflexion des Bildseins im Bild, dem verräterischen, vielleicht falsch positionierten Detail, dem winzigen - gemalten! - Nagel, an dem das Auge des Betrachters hängenbleibt, der das Geschaffene als kunstvolles, aber eben künstliches Gebilde offenbart. Deshalb sind Gemälde wie das gezeigte altmoderne Jagdstillleben 'Infanteristen-Ausstattung' von Charles Alfred Meurer aus dem Jahr 1921 so erhellend, der zwar die auf eine Schranktür gehängten Waffen und Uniformteile ebenso perfekt imitiert wie die Maserung des Holzes, aber durch eine unübersehbar plazierte Zigarettenschachtel mit Kamel inmitten des Arrangements die völlige Artifizialität des Ganzen entlarvt - gewissermaßen mit Apelles-Kamel. Und genau deshalb ist der Wille zum kompletten Nachbau der realen Welt in der derzeit so beliebten virtuellen Realität nur langweilig: Es ist eine bloße Dopplung, ohne jeglichen künstlerischen Mehrwert. ...
          Die Schau zeigt auf allen Ebenen die künstlerischen Täuschungmechanismen auf und verschweigt dabei keineswegs die Herkunft der klassischen Menschen-Nachahmer und Illusionskünstler wie John de Andrea, Ron Mueck oder Evan Penny (von dem zwei an Magritte erinnernde Rätselskulpturen seines selbst, 'Wie ich nicht war' und 'Wie ich nicht sein werde', als Büsten an der Wand hängen) aus der Maskenbildnerei. Gerade durch die Differenz der 'Kunst-Werke' zum realen Leben wird Verschmelzungsphantasien mit der virtuellen Realität so keinerlei Raum gegeben. Kunst ist hier Kunst, Leben bleibt Leben. Dazwischen liegt die professionelle Fälschung, der auch ein Saal gewidmet ist.
          Dass es der Ausstellung aber auch um das Aufzeigen einer grundsätzlichen Illusionssehnsucht auf allen Ebenen geht, die den Menschen wie ein Kokon aus visueller Watte einhüllt und immer schon eingehüllt hat, wird in einem anderen Saal deutlich: Dort bedecken Bildtapeten mit fiktiven Bildwelten und künstliche Fensterausblicke die nackten Wände. Ein Schaubuffet ist angerichtet, auf dem der aus einem täuschend lebensecht bemalten Porzellan-Wildschweinkopf des neunzehnten Jahrhunderts dringende Dampf der heißen Speisen die Festtafel in eine Waldlichtung mit feucht waberndem Nebel im Morgengrauen verwandelt; zusammen mit anderen 'tierischen' Tafelaufsätzen und der zeitgenössischen Teekanne von Ruth Gurvich, bei der Papier in Nymphenburger Porzellan so perfekt nachgeahmt wurde, dass die Kanne wie aus herumliegenden Servietten gefaltet scheint, wird klar: Schöner Schein wie auch das substitutive und oft nur ephemere 'Mehr Schein als Sein' bestimmt seit jeher die menschliche Lebenswelt.
          'Selten so schön getäuscht worden' - solcherart geschärft geht der Besucher aus der Ausstellung. Mit einem angenehm ernüchterten Blick für die trotz allem fundamentale Differenz zwischen Kunst und Leben."
 
 
 
Über das Geistige in der Kunst
100 Jahre nach Kandinsky und Malewitsch
 
Galerie der Deutschen Gesellschaft
für christliche Kunst
Finkenstr. 4 (nahe Wittelsbacher Platz)
München
Bis 10. November
Di - Fr: 12 Uhr - 18 Uhr
 
Unter dem Titel "Sehnsucht nach Spiritualität" schreibt der Donaukurier vom 14.09. 2018:
"In einer Zeit, die geprägt wurde von industriellem Fortschritt, von revolutionären Erkenntnissen der Wissenschaft und von einem weit verbreiteten Materialismus, veröffentlichte der russische Künstler Wassily Kandinsky 1912 seine viel beachtete Schrift 'Über das Geistige in der Kunst'. Zeitgleich mit anderen Künstlern wie etwa Kasimir Malewitsch suchte er nach Möglichkeiten, wie sich das Spirituelle, Transzendente darstellen ließe - und gelangte zu einem ungegenständlichen, abstrakten Malstil. Welche Positionen nehmen heute zeitgenössische Künstler ein, in einer Zeit der digitalen Revolution und der gesellschaftlichen Verunsicherung?
     Das 125-jährige Bestehen der Deutschen Gesellschft für christliche Kunst (DG) im Herbst 2018 ist Anlass für ein Kooperationsprojekt der DG mit dem Museum für Konkrete Kunst (MKK) in Ingolstadt. Benita Meißner wählte für die Münchner Galerieräume Werke von sieben Künstlern aus unter dem Motto 'Kandinsky weitergedacht', ihre Kollegin Simone Schimpf wird in Ingolstadt eine größere Auswahl zeigen, die Malewitschs Spuren folgt. Der gemeinsame Ausstellungstitel lautet: 'Über das Geistige in der Kunst - 100 Jahre nach Kandinsky und Malewitsch'. Noch vor wenigen Jahren, so Simone Schompf, hätten manche Künstler Berührungsängste gegnüber einem solchen Thema gehabt - 'aber jetzt gibt es eine große Sehnsucht nach Spiritualität'.
     Deutlch wird in der Münchner Ausstellung an exemplarischen Werken ein formaler Minimalismus, ein Bestreben nach Klarheit von Form und Farbe sowie die Suche nach subjektiven Lebensspuren und einer Entfaltung im Raum. So fertigt die in München lebende Brigitte Schwacke feine Gespinste aus dünnem Draht, deren Strukturen der Gleichmä?igkeit und der Verdichtungen für ihre eigene Befindlichkeit in einem ganzen Jahr stehen. Gewundene Chiffren aus schwarzer Ölfarbe streicht der Leipziger Künstler Bastian Muhr auf 15 weiß grundierte Papiere, und über den Entstehungsprozess dieser Muster aus zusammengedrängten Bahnen und Kurven sagt er: 'Ich komme damit zu mir selbst.     
     Wie weit reicht die Erkenntnis des Menschen? - Dieser Frage geht de Schweizer Rainer Eisch in einem Video nach, das computergesteuert die Bewegungen eines Schwarmes zeigt, während die Russin Yelena Popova mit subtil eingesetzten Pigmenten auf der Leinwand Spuren hinterlässt und etwas andeutet, was der Mensch nur mit Hilfe der Technik erkennen kann - die Radioaktivität. ...
     Eine ... Verknüpfung von Alltagsgegenstand mit spiritueller Weite gelingt Hubert Kiecol aus Köln, der einen gelben Spind auf den Sockel hebt und bei geöffneten Schranktüren nichts anderes zeigt als Leere. Objekte wie diese ermöglichen es, dass die 'Ruach', der göttliche Windhauch, einkehren kann, wenn sich die Betrachter in der Stille auf die Exponate einlassen, sie mit den Augen duchwandern , sie meditieren. Denn 'das Geistige in der Kunst' will mit Ruhe erspürt werden - andernfalls bleiben die Objekte nur Materie."
 
 
Museum für Konkrete Kunst
Ingolstadt
Bis 10. März 2019
Di - So: 10 Uhr - 17 Uhr
(1.11., 24., 25., 31.12 und
Neujahr geschlossen)
 
"Schwebende Quadrate, die Sinustöne von sich geben, feine Drahtgebilde, die in den Raum greifen, verblüffende Objekte aus Beton, die federleicht und transparent scheinen oder weißes Rauschen aus dem Weltall. Eine große Zahl faszinierender Postionen zum Thema 'Das Geistige in der Kunst' hundert Jahre nach der Neuerfindung der Malerei durch Wassily Kandinsky (1866-1944) und Kasimir Malewitsch (1878-1935) versammeln sich in der Ausstellung im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt (MKK), ... Da gibt es Sphärisches, Mystisches, Sakrales, Flüchtiges, Kostbares, Luftiges und Magisches. Das ist kontemplativ, bezaubernd und visionär. ...
     Erklärtes Ziel war es jedoch nicht, die lange und andauernde Rezeptionsgeschichte der Inkunabel der modernen Kunst, jenes legendäre 'Schwarze Quadrat auf weißem Grund' von 1913, zu erzählen. Es gehe vielmehr um die Suche nach dem 'Geistigen' als Antipoden eines rationalen Kunstverständnisses, mit dem die Konkrete Kunst gerne in Verbindung gebracht werde, sagte Simone Schimpf bei der Vernissage. 
     Die Kuratorinnen haben - diesem Gedanken folgend - eine wunderbar schlüssige und erhellende Ausstellung zusammengestellt, zeigen Kunstwerke, die auf vielfältige und überraschende Weise neue Welten eröffnen un sich mit zeitgenössischen Miteln konkret oder assozuiativ Malewitschs Suprematismus zuwenden. Vielen Künstlerinnen und Künstlern der Schau, die das ganze Haus an der Tränktorstraße füllt, ist eine Technikaffinität gemeinsam, die sie raffiniert einsetzen, um das Poetische, das Unsichtbare sichtbar zu machen und ungeahnte Räume und Visionen zu eröffnen. Faszinierend ist die Vielfalt an Materialien: von Eis bis Farbe, von Feinstaub bis Sternenrauschen, von Beton bis Eichenholz. ...
Die belgische Künstlerin Edith Dekyndt gibt eine unmittebare Antwort auf Malewitschs 'Schwarzes Quadrat auf weißem Grund'. Auf fünf Fahnen aus schweren grünen Wolldecken hat sie Quadrate aus 22.92 Karat Gold drucken lassen und diese wirkungsvoll an der Wand drapiert. 'Krasny Ougol' heißt die Installation, meint auf Russisch die 'schöne Ecke', in der traditionell die orthodoxen Ikonen platziert wurden und in die Malewitsch auch seine Ikone gehängt hat.
     Mit immensen Daten in einer Cloud arbeitet Rainer Eisch und schafft mit der wandfüllenden Arbeit ein schwebendes Universum aus Pflanzen, Molekularstrukturen oder kosmischen Erscheinungen. Ann Veronica Janssens macht Farbe erlebbar. In '16 Pink Blocks 600' hat sie die Farbe in Gaswürfel quasi eingefroren. Raimer Jochims, der in dem 70er-Jahren mit dem Quadrat in Variationen gearbeitet hat, ist mit einigen seiner farbig leuchtenden Arbeiten vertreten. Er selbst nennt diese Farbverläufe spirituelle Malerei. Koka Ramishvili arbeitet mit in den Raum ragenden farbigen Kuben. Lienhard von Monkiewitsch zerlegt das Quadrat und das Rechteck, schafft verblüffende transparente und samtige Ojekte aus hartem Material: Beton un Holz.
     Julius Stahl ist ein Soundkünstler und -forscher. Seine fragile Installation 'Schwarzes Quadrat' - schwarze Flächen an feinen Drähten - bringt den Raum und den Besucher ins Schwingen und erzeugt feine Töne. Den Raum erobert auch Brigite Schwacke. Speziell für die Ausstellung in Ingolstadt hat sie eine neue Installation mitgebracht. Schwebeteilchen, Himmelskörper, Zellstrukturen gleich aus feinem Draht geknotet. ...
     Spektakuläres Material nutzt Erik Sturm. Aus Stuttgarter Feinstaub, Wasser und Leim stellt er Farbe her und verarbeitet diese zu brüchigen schwarzen Quadraten. Als Kommentar zur Dieseldebatte sind die Arbeiten aber nicht zu verstehen. Und einen spektakulären Blick ins All wirft das britische Künstlerduo Semiconductor. Die beiden verwenden reales Rohmaterial der Nasa.
     Am Ende der inspirierenden Schau ist der Besucher gefragt. Er kann auf schwarze Quadrate seine Vorstellung des 'Geistigen' notieren. Am Eröffnungsabend hatte jemand ein kleines Gespenst gemalt." (Donaukurier vom 
1. Oktober 2018)