Über den Tellerrand


 
Etwas anderes aus der Sammlung
Museum für Konkrete Kunst
Ingolstadt
Di - So  10 - 17 Uhr
Bis 2. August
 
"Definitionen für Kunst gibt es viele - richtige, überzeugende, einleuchtende und weniger plausible. Eine Definition könnte lauten: Aus etwas etwas anderes machen. Aus einer Sache etwas machen, was über Sinn und Zweck dieser Sache hinausweist, etwas anderes bedeutet.
Darum scheint es in der neuen Ausstellung im Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt zu gehen. ...
Da ist etwa eine Coca-Cola-Flasche, die zum Telefon mutierte, aus dem Jahr 1983 zu sehen. Oder ein Telefon in Form eines Hamburgers aus dem Jahr 1990. Beat Zoderer hat sich mit Gummiringen, wie sie in Küchen verwendet werden, auseinandergesetzt und sie scheinbar wahllos über eine Bildebene verteilt. ...
 
Die Ausstellung kann fast genauso gut auf der Homepage des Museums rezipiert werden; denn zu jedem Exponat findet sich nicht nur ein kurzer, aufschlussreicher Text, sondern auch eine Audiodatei ...
Wer es noch persönlicher will, ruft jeweils sonntags zwischen 10 und 12 Uhr im Museum an und diskutiert seine Eindrücke eines bestimmten Kunstwerks mit einer Museumsmitarbeiterin. "Callforart" heißt die Reihe. Dabei wird dann ganz nebenbei eine weitere, prozesshafte Definition von Kunst eingeflochten: der Diskurs über Sinn und Bedeutung mittelgroßer, trockener Gegenstände." (Donaukurier v. 8. Juni 2020, Nr. 130, S. 12)
 

Amish Quilts meet Modern Art
tim Textil- und Industriemuseum
Augsburg
Provinostraße 46
Di bis So 9 bis 18 Uhr
Bis 25. Oktober
 
Unter dem Titel "Muster des Lebens" schreibt der Donaukurier v. 23./24. Mai 2020, Nr.: 118, S. 19:
"... In 14 Stationen werden die Steppdecken - alle zwischen 1890 und 1950 entstanden - in Beziehung gesetzt zu Kunstwerken moderner Künstler. ... Die Grundsätze der aus täuferisch-protestantischen europäischen Gemeinschaften hervorgegangenen Amish People Nordamerikas geben das Sujet vor für den nun entstehenden Dialog zwischen Kunsthandwerk und Kunst. Das zentrale Leitmotiv ist die Ordnung, dem folgen Armut, Demut, Arbeit, Gemeinschaft und Friedfertigkeit. Die Kunstwerke setzen den dialektischen Gegenpart - im ersten Bereich definiert der Belgier Quinze das Chaos als positiv.
     Und Winfried Gaul (1928 - 2003) sah Ordnung anders als die Amishen: 'Die Anfänge des Informel standen ganz im Zeichen von Revolte und Anarchie. Wir rebellierten gegen den Versuch, die alte Ordnung wieder zu etablieren, die sich als unfähig erwiesen hatte, die Menschheit gegen den Braunen Terror zu schützen. Als Maler protestierten wir gegen die Komposition, gegen Zeichnung, gegen die Figur, gegen das Abbild, gegen das Gewohnte und Tradierte.' Diese Abkehr vom Abbild wiederum findet sich bei den Amishen - religiös begründet.
Es geht um Grundfragen menschlichen Daseins. Auf die die Amishen im 17. Jahrhundert ihre bis heute mit wenigen Veränderungen geltenden Lebensregeln entwickelten und die sich im Kunsthandwerk der Quilts materialisieren.
     Die 50 Kunstwerde der Moderne nehmen Themen wie Klimawandel, Krieg, Schnelllebigkeit der Konsumgesellschaft und ihren Einfluss auf Individuum, Umwelt und Natur selbstreflexiv, kritisch und kreativ auf ...
So gibt diese Ausstellung nicht nur Einblicke in faszinierendes Kunsthandwerk und in eine exquisite Auswahl moderner Kunst, sondern regt zum Nachdenken an, wie wir als Gesellschaft miteinander leben und künftig leben wollen."
 
 
 
 
 
Peter Lindbergh - Untold Stories
Im Kunstpalast
Düsseldorf
Bis 12. Juli verlängert
 
Der Untertitel der FAZ vom 05.02.2020 Nr. 30, S. 11, lautet: Größer als das Leben: Hinter der überwältigenden Peter-Lindbergh-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast offnet sich ein weites Feld unendlicher Traurigkeit.
"... Peter Lindbergh war der Fotograf, der die Supermodels erfunden hat, indem er die schönsten und teuersten Mannequins der Welt aus dem Glamour des Rampenlichts der Laufstege riss und sie in die Wüsten Kaliforniens schleppte, in die Straßenschluchten Manhattans und in die Industriehallen des Ruhrgebiets. So machte er sie zu Super-Mädchen-von-nebenan, mit denen sich junge Leserinnen der Modemagazine viel leichter identifizieren konnten als mit Frauen, die in exaltierten Posen extravagante Entwürfe der Haute Couture präsentierten. ...
     Und nun in Düsseldorf? Nichts davon! Oder nur wenig. Nach all den Bildern, die mit den Nachrufen auf Peter Lindbergh im vorigen Spätsommer weltweit die Runde machten und die ihn zum womöglich bestbezahlten Fotografen der Welt gemacht hatten, sucht man vergebens. Lindbergh, so heißt es, habe sich bewusst einer Retrospektive verweigert. Eher habe ihm eine Art "Best of" vorgeschwebt. Und am besten, diesen Eindruck wird man angesichts der hundertvierzig Aufnahmen nicht los, gefielen ihm ganz offensichtlich Momente von berührender Melancholie. ...
     Dabei hatte er sich zumindest Fremden gegenüber bis zum Schluss stets als der lebenslustige, zugängliche, unkomplizierte Kumpel aus dem Ruhrgebiet gegeben. Eine Art Brummbär zum Anlehnen. Wie sehr ihn aber der Tod beschäftigt hat, belegt ein Film, den er 2013 im Todestrakt eines Gefängnisses in Florida drehte und der in Düsseldorf im riesigen Format auf eine Wand projiziert wird. Dreißig Minuten lang betrachtet sich der zum Tode verurteilte Häftling Elmer Caroll starr und konzentriert in einem Spiegel. Mit der Selbstverliebtheit eines Narziss, der vom eigenen Konterfei nicht lassen kann, hat das nichts zu tun. Hier handelt es sich um eine Übung in Selbstanalyse - bis hin zur Selbstaufgabe. Wenig später wurde Caroll hingerichtet. Seinem Blick hält man als Besucher kaum stand."



"Schaut her!"
Toni Schneiders.
Retrospektive.
Kunstfoyer
Maximilianstr. 53
München
verlängert bis 27. September
Tägl. 9 bis 19 Uhr
 
"Wasser in all seinen Erscheinungsformen - als spiegelnde Seeoberfläche, als krustige Eisschollen oder vereiste Zweige, als Kondensstreifen am Himmel, aber auch als perlende Regenspur auf einem Fenster -, das war ein fotografisches Leitthema von Toni Schneiders. Gerade in der deutschen Nachkriegszeit galt er als stilprägend, weil sein Blick für Strukturen einer Fotografie besondere ästhetische Qualitäten verlieh. ...
Der am 13. Mai 1920 in Urbar bei Koblenz geborene Schneiders hat bereits als Fünfzehnjähriger fotografiert, aber erst nach seinem Einsatz als Soldat im Zweiten Weltkrieg konnte er 1948 ein eigenes Fotostudio in Lindau eröffnen ... Als Mitbegründer der Gruppe "fotoform", die von 1949 bis 1957 bestand und ab 1951 mit Ausstellungen hervortrat, war er Teil der Bewegung 'subjektive Fotografie'. Deren Ziel war es, an die Ästhetik der 1920er-Jahre und den Stil des Bauhauses anzuknüpfen und dabei abstrakte Formen und grafische Muster gekonnt herauszuarbeiten. ...
In den 1950er und 1960er-Jahren unternahm Schneiders viele Reisen in europäische Länder, aber auch nach Äthiopien und Japan. Dabei wird, neben dem Thema 'Wasser', das Menschenbild zu einem zweiten Schwerpunkt. ..." (Donaukurier, Nr.47, 26.02.2020, S. 18)