Über den Tellerrand

 
Rupprecht Geiger, Alf Lechner
Rot X Stahl
Lechner Museum
Esplanade 9
Ingolstadt
Bis 14. Juni
Do bis So  von 10 bis 17 Uhr
 
"Sie leuchten, diese gigantischen Farbfelder. An der Fassade, im Innern des Museums. Meterhoch. In Pink, in kräftigem Rot. Farbige Kreise, in hellem Gelb, in knalligem Orange, drängen, fast dreidimensional, dem Licht entgegen, hängen Raum bildend und Raum füllend an den Wänden des Lechner-Museums in Ingolstadt. ...
Das erste Mal sind die Werke des Farbmagiers Geiger im Museum an der Esplanade ausgestellt. Posthum geht somit ein großer Wunsch Lechners und Geigers, die jahrzehntelang freundschaftlich, in künstlerischer Auseinandersetzung und im intensiven Austausch verbunden waren, in Erfüllung, gemeinsam in diesen Räumen auszustellen. ...
Das Ergebnis ist eine Schau, die dem Einzelnen - Lechner und Geiger - in seiner Vielfalt gerecht wird, aber ebenso Gemeinsamkeiten aufzeigt und einen wunderbaren und geglückten Dialog zwischen den Werken dieser beiden Protagonisten der Abstraktion ... schafft. ...
Die Ausstellung ... zeigt die Entwicklung beider Künstler auf, spürt Rupprecht Geigers Leidenschaft für Farbe als Kraftquelle und speziell für Rot, 'das high' macht, wie er einmal sagte, und der 'Wandlung der Farbmaterie zum Farbgeist' nach. Und sie macht Lechners Credo von der 'Komplexität der Einfachheit' und dessen Leidenschaft für Stahl, der ihm das 'zuverlässigste Material' war, sichtbar. ... (Donaukurier, Nr. 44, 22./23.02.2020, S. 19)
 
 
"Schaut her!"
Toni Schneiders.
Retrospektive.
Kunstfoyer
Maximilianstr. 53
München
Bis 7. Juni
Tägl. 9 bis 19 Uhr
 
"Wasser in all seinen Erscheinungsformen - als spiegelnde Seeoberfläche, als krustige Eisschollen oder vereiste Zweige, als Kondensstreifen am Himmel, aber auch als perlende Regenspur auf einem Fenster -, das war ein fotografisches Leitthema von Toni Schneiders. Gerade in der deutschen Nachkriegszeit galt er als stilprägend, weil sein Blick für Strukturen einer Fotografie besondere ästhetische Qualitäten verlieh. ...
Der am 13. Mai 1920 in Urbar bei Koblenz geborene Schneiders hat bereits als Fünfzehnjähriger fotografiert, aber erst nach seinem Einsatz als Soldat im Zweiten Weltkrieg konnte er 1948 ein eigenes Fotostudio in Lindau eröffnen ... Als Mitbegründer der Gruppe "fotoform", die von 1949 bis 1957 bestand und ab 1951 mit Ausstellungen hervortrat, war er Teil der Bewegung 'subjektive Fotografie'. Deren Ziel war es, an die Ästhetik der 1920er-Jahre und den Stil des Bauhauses anzuknüpfen und dabei abstrakte Formen und grafische Muster gekonnt herauszuarbeiten. ...
In den 1950er und 1960er-Jahren unternahm Schneiders viele Reisen in europäische Länder, aber auch nach Äthiopien und Japan. Dabei wird, neben dem Thema 'Wasser', das Menschenbild zu einem zweiten Schwerpunkt. ..." (Donaukurier, Nr.47, 26.02.2020, S. 18)
 
 
Jenseits des Sichtbaren -
Hilma af Klint
Dokumentarfilm von 
Halina Dyrschka
(Der Film läuft von Do. 19. - Mi. 25.03., 17.30 Uhr, im Audi Programmkino,
Tickets unter 0800 2834444)
 
"... Halina Dyrschkas Film geht mit Leidenschaft und der Schützenhilfe einer Phalanx beeindruckender Wissenschaftlerinnen dem Phänomen Hilma af Klint nach - der Frau, der Malerin, ihrem Zirkel und der Kunstwelt, die mit ihr bis gerade eben nichts anzufangen wusste. Die Regisseurin nähert sich alldem, indem sie die Sinnlichkeit, die Nähe dieser Kunst zu organischem Geschehen betont: durch Naturaufnahmen, Blätter, ganz nah, Wasser, fern und nah, Gräser. Und dann mit dissanantem Kreischen die revolutionären Entdeckungen jener Zeit in den Naturwissenschaften aufruft, die Teilbarkeit des Atoms, die Radiowellen, die Röntgenstraheln, die Quantenphysik. denn Hilma af Klint war in gleichem Maß wie an der sichtbaren Natur, die sie zunächst ganz akademisch fasste, in Landschaften, Blumen- und Obstbildern neben Portraits, an den Phänomenen interessiert, die hinter den Oberflächen, hinter dem Sichtbaren lagen und von der Physik, der Biologie, der Astronomie gerade entdeckt wurden. 1906 schuf Hilma af Klint ihr erstes abstraktes Bild. Fünf Jahre früher als Kandinsky. Fast belustigt stellt die Filmemacherin die Ignoranz der Kunstgeschichtsschreibung durch die Gegenüberstellung von Werken der Schwedin mit viel späteren zu Schau: ein gelbes Quadrat von Hilma af Klint, 1916 - ein gelbes Quadrat von Josef Albers, 1971. ...
Hilma af Klint starb 1944. Sie hat nachdem ihre Zeitgenossen ihr mit Unverständnis begegneten, verfügt, ihre Bilder zwanzig Jahre nach ihrem Tod nicht zu zeigen. Wie sie überlebt haben, auch das zeigt dieser Film über eine Frau, die in alle Richtungen Grenzen überschritt. Die Welt fängt gerade erst an, sie wirklich zu entdecken." (FAZ, Nr. 57, 07.03.2020, S.14)
 
 
Wieder und Wieder -
Ritual, Kontemplation, Obsession
DG-Kunstraum
Finkenstr. 4
München
Bis 21. März
Di bis Fr von 12 bis 18 Uhr
25. Februar geschlossen
(DG = Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst in München)
 
"... Rituale machen aus der Welt einen verlässlichen Ort - unsere Gegenwart ist jedoch geprägt durch Reizüberflutung und infolgedessen von einer Verflachung der Aufmerksamkeit des Einzelnen. Entlang dieser These des koreanisch-deutschen Philosophen Byung-chul Han entwickelte Benita Meißner ein Zusammenspiel von künstlerischen Werken, die die Aufmerksamkeit in die Tiefe führen wollen. Dabei wird durchaus an alte Traditionen angeknüpft, die in neue Bahnen gelenkt werden. Dies gilt für die sogenannten "Klosterarbeiten" aus Golddraht, in zweijähriger Arbeit gefertigt von der Münchnerin Claudia Starkloff. Ursprünglich dekorierten solche goldenen Blüten die Reliquien von Heiligen - die Künstlerin füllt nun ein gläsernes Gewächshaus mit ihnen in einer Überfülle, dass Goldstaub das Innere bedeckt. Freiwillige sind eingeladen, diese Objekte zu "pflücken" und in Kästchen zu verwahren. ...
      Weitere Arbeiten vermitteln, wie Künstler nach eigenen Ritualen suchen - etwa die Sound-Installation "8 Stunden zählen" von Ignacio Uriarte ...
Entlang der Exponate dieser durchdachten Schau können die Betrachter reflektieren, ob sie sellbst den Reiz der Wiederholung schätzen und in wie weit sie sich einer rituellen Handlung so sehr verschreiben, dass diese ihr Denken und ihr Gefühl in Beschlag nimmt. Das Pflegen eines Rituals kann die Aufmerksamkeit schärfen und weiten, die Obsession dagegen wird zur lebensfeindlichen Begrenzung." (Donaukurier vom 06.02.2020, Nr. 30, S. 14)
 
 
 
Peter Lindbergh - Untold Stories
Im Kunstpalast
Düsseldorf
Bis 1. Juni
 
Der Untertitel der FAZ vom 05.02.2020 Nr. 30, S. 11, lautet: Größer als das Leben: Hinter der überwältigenden Peter-Lindbergh-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast offnet sich ein weites Feld unendlicher Traurigkeit.
"... Peter Lindbergh war der Fotograf, der die Supermodels erfunden hat, indem er die schönsten und teuersten Mannequins der Welt aus dem Glamour des Rampenlichts der Laufstege riss und sie in die Wüsten Kaliforniens schleppte, in die Straßenschluchten Manhattans und in die Industriehallen des Ruhrgebiets. So machte er sie zu Super-Mädchen-von-nebenan, mit denen sich junge Leserinnen der Modemagazine viel leichter identifizieren konnten als mit Frauen, die in exaltierten Posen extravagante Entwürfe der Haute Couture präsentierten. ...
     Und nun in Düsseldorf? Nichts davon! Oder nur wenig. Nach all den Bildern, die mit den Nachrufen auf Peter Lindbergh im vorigen Spätsommer weltweit die Runde machten und die ihn zum womöglich bestbezahlten Fotografen der Welt gemacht hatten, sucht man vergebens. Lindbergh, so heißt es, habe sich bewusst einer Retrospektive verweigert. Eher habe ihm eine Art "Best of" vorgeschwebt. Und am besten, diesen Eindruck wird man angesichts der hundertvierzig Aufnahmen nicht los, gefielen ihm ganz offensichtlich Momente von berührender Melancholie. ...
     Dabei hatte er sich zumindest Fremden gegenüber bis zum Schluss stets als der lebenslustige, zugängliche, unkomplizierte Kumpel aus dem Ruhrgebiet gegeben. Eine Art Brummbär zum Anlehnen. Wie sehr ihn aber der Tod beschäftigt hat, belegt ein Film, den er 2013 im Todestrakt eines Gefängnisses in Florida drehte und der in Düsseldorf im riesigen Format auf eine Wand projiziert wird. Dreißig Minuten lang betrachtet sich der zum Tode verurteilte Häftling Elmer Caroll starr und konzentriert in einem Spiegel. Mit der Selbstverliebtheit eines Narziss, der vom eigenen Konterfei nicht lassen kann, hat das nichts zu tun. Hier handelt es sich um eine Übung in Selbstanalyse - bis hin zur Selbstaufgabe. Wenig später wurde Caroll hingerichtet. Seinem Blick hält man als Besucher kaum stand."